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Nach 20 Jahren endlich Linux auf dem Desktop

Seit etwa drei Monaten arbeite ich auf meinem privaten Notebook mit Linux; ein Computerleben ohne Microsoft und Apple ist möglich. Alle paar Jahre gab ich Linux eine Chance, auch meinen Desktop erobern zu dürfen, genutzt hat es diese Chance schließlich Ende letzten Jahres.

Meine ersten Gehversuche mit Linux unternahm ich Mitte der Neunziger. Mit zwei Zehnerpacks Disketten saß ich an irgendeinem Rechner in irgendeinem mit DOS-Rechnern ausgestatteten Computerraum in der Uni, auf der ich mir die Slackware-Disketten-Images vom FTP-Server der Uni zog und auf die Disketten kopierte, um dann Stunden später entnervt festzustellen, dass ich doch noch zu grün hinter den Ohren für diese Art der Installation des freien Betriebssystems war. Daraufhin habe ich mir SuSE Linux 4.3 gekauft und damit herumgespielt. SuSE 4.3 wurde im September 1996 veröffentlicht, das ist nun fast 20 Jahre her.

Seit dieser Zeit hat mich Linux stets als Server begleitet. Irgendwo stand immer ein ausgedienter Rechner herum, der noch sein Gnadenbrot als Linux-Server verdienen durfte, sowohl privat als auch am Arbeitsplatz. Aus heutiger Sicht unvorstellbar: Das SuSE 4.3 durfte sich auch 1997 noch meinen Zweit-PC mit Windows 3.11 innerhalb einer Dual-Boot-Installaton auf einem 486er mit einer 4-GB-Platte teilen (wenn ich mich da recht erinnere). Linux und Windows bekamen je 2 GB Platz. Und die 2 GB unter Linux reichten tatsächlich noch so gerade dafür aus, eine Audio-CD zu rippen und über Nacht mit irgendeinem semilegalen Vorläufe von LAME in MP3 zu encoden. Die 700 MB Audiodaten im WAV-Format mussten immer erst zwischengespeichert werden, bevor der MP3-Encoder drüberlief, ein freies Gigabyte reichte da immer so gerade aus. Wenn der kleine Server nachts mal keine MP3-Dateien erzeugte, dann baute er vermutlich gerade einen neuen Kernel. make menuconfig, make dep clean zImage zLilo, make modules, make modules_install. Irgendetwas dieser Art sorgte auf der kleinen 486er-Gurke mit viel zu wenig RAM, viel zu wenig Plattenplatz und viel zu wenigen Megahertz dafür, dass stundenlang mysteriöse Compilerausgaben über den 14″-Monitor huschten und irgendwann dann am nächsten Morgen ein neuer Kernel fertig war.

Linux auf dem Desktop war zu diesem Zeitpunkt unbenutzbar, jedenfalls aus Sicht eines von GEM verwöhnten Atari-Benutzers. Das User Interface war mehr als ungewohnt, und die zur Verfügung stehenden Applikationen waren grottig. Und sollte doch mal etwas laufen, bekam es nicht ausgedruckt, weil Linux noch nicht so weit war oder ich wieder einmal beim Kernel-Bauen ein Modul vergessen hatte. X11 fraß eh zu viel Platz und war schnarchlangsam. Aber als Samba-Server war Linux klasse, und das Herumspielen mit Shell-Scripts oder das Bauen kleiner C-Programme machte Spaß.

1998 kam KDE 1.0 und Linux eine neue Chance auf dem Desktop, nutzte sie aber nicht, da es zu instabil lief. Ob es an meiner veralteten Hardware, an meiner Ungeduld oder einfach daran lag, dass KDE noch ganz am Anfang stand, ich weiß es nicht mehr. Linux durfte weiter Samba-Server spielen, vielleicht noch Experimentierfeld mit Apache, mehr aber auch nicht.

Ein wenig änderte sich dies, als ich beruflich sehr viel mit Solaris zu tun hatte und dort mit Emacs meine C-Programme und Shell- und Perl-Scripts entwickelte, Zehntausende von kleinen Dateien tagtäglich über ein halbes Dutzend Server bewegen und verwalten musste. Mein kleiner Linux-Server unter dem Schreibtisch bot mir via XDMCP und WindowMaker als Window-Manager die Möglichkeit, mir per Mausklick und Kaskaden von ssh-Aufrufen die benötigen Terminals auf den Windows-2000-Rechner zu holen. „Linux auf dem Desktop“ war dies aber nicht, eher eine pfiffige xterm-Verwaltungsoberfläche.

Debian entdeckte ich erst recht spät. 2005 packte ich Debian Sarge auf einen Linux-Server am neuen Arbeitsplatz, was quasi zehn Jahre durchlief. X11 lief auch dort eher nur deswegen, weil ich es aus Versehen mit installiert hatte. Was ich dort aber sah, gefiel mir. Das System lief quasi „out of the box“, manuelles Bauen von Kerneln war Geschichte, die vorhandene Hardware wurde direkt unterstützt, und durch die Trennung in Stable und Testing – ich nutzte natürlich stable – lief das alles erschreckend stabil.

Ubuntu kreuze erstmals mit Hardy Heron (8.04 LTS) sprich 2008 meinen Weg, allerdings eher aus Neugierde, was denn dieses Ubuntu so sei. Um den damaligen kostenlosen VmWare Server zu testen, spielt ich dort mit Ubuntu herum. Und was ich sah, gefiel mir. Was genau fehlte, kann ich nicht mehr sagen, aber irgendwas fehlte eigentlich immer. Aber Ubuntu behielt ich im Auge.

Ein für Backup-Zwecke angeschafftes Samsung Netbook mit Windows 7 Starter war spätestens mit Installation eines Virenscanners so zäh und unbenutzbar geworden, dass es keinen Spaß machte. Auf der Suche nach einem aktuellen Ubuntu für Netbooks entdeckte ich den Ableger Lubuntu, installierte es auf dem Netbook und war verblüfft, wie es fluppte. Auch überrascht war ich, dass alles funktionierte, selbst die FN-Tastenkombinationen für Lautstärke und Display-Beleuchtung oder die Aktivierung des Bereitschafts-Zustand beim Zuklappen des Deckels. Eine Menge musste zwischenzeitlich passiert sein.

Bei eBay-Kleinanzeigen „schoss“ ich mir ein gebrauchtes, günstiges Lenovo Thinkpad und gönnte ihm eine Xubuntu-Installation. Auch hier funktioniert einfach alles problemlos. Mit Firefox, Thunderbird, Google Chrome, Libre Office oder GIMP laufen Anwendungen, wie ich sie unter Windows auch benutze. Es gibt eigentlich nur ganz wenige Anwendungen, die ich wirklich vermisse. Dies sind der Total Commander (mc und Gnome Commander sind kaum ein Ersatz) und Microsoft ICE zum Stitchen von Panoramafotos (KiPi und Hugen sind ein brauchbarer Ersatz). Die Frage, wie oft ich seit Umstieg auf Linux doch noch meinen (noch vorhandenen) Windows-Rechner verwenden musste, kann ich mit „nie!“ beantworten.

Nach knapp 20 Jahren hat es Linux bei mir also auf den Desktop geschafft, ich vermisse so gut wie überhaupt nichts, habe viele Dinge gewonnen wie ein vernünftiges Dateisystem, Benutzerrechte, die Bash, Remote-Bedienung per XDMCP, und jederzeit das gute Gefühl, nicht mehr die Hauptangriffsfläche für die Viren, Würmer und Trojaner dort draußen zu verwenden: ein verwundbares Windows-System.

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